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»Paul Bracq au travail« ist dieses
französische Pressefoto betitelt, was
so viel beißt, Haß der oberste Stilist
bei der Arbeit ist.

wir uns mitten drin im bunt blühenden Happening des linkstümelnden, libertinistischen und sozialschwärmerischen, zuweilen aber auch erbarmungslos klassenkämpferischen Jahres 1968.
Erwartungsgemäß wird bezüglich der neuen Mittelklasse von Mercedes-Benz wieder und wieder der ausgedroschene, ja bis zur Unkenntlichkeit abgegriffene Stabreim form follows fun-ction zitiert. Hier dürfen aber ernste Zweifel angebracht werden, ob dieses um 1900 geprägte stilistische Credo des amerikanischen Architektur-Pioniers Louis Henri Sullivan überhaupt auf das Automobil-Design der neueren Zeit anwendbar ist. Eine Gestaltungsphilosophie, die einem Bankgebäude den nötigen zurückhaltenden Chic oder dem sozialen Wohnungsbau ein menschliches Antlitz verleiht, ist im Automobil-bau nur sehr eingeschränkt am Platze. Sullivans Ideologie reduziert sich auf diesem Terrain auf ziemlich wenige Ausnahmen, unter denen allerdings durchaus atemberaubende Beispiele eigenständigen Charakters zu finden sind: Die großen Heckmotor-1 a t ras fallen dem Chronisten spontan ein, die kompromißlosen britischen Roadster der fünfziger und sechziger Jahre - aber auch der Land Rover und der Citroen 2 CV. Beim Großserien-Heer der Familienlimousinen würde diese Anschauungsweise aber schnell zum Einheitsstyling und damit zum glatten Nonsens pervertieren.
Der totgeredete Pseudo-Leitsatz form follows function erscheint eher wie ein geschickt gehegter Vorwand der Ingenicure, um die Mechanik in den Vordergrund schieben zu können, das Primat der Technik zu rechtfertigen und Zugeständnisse und Kompromisse weitgehend zu vermeiden. Sollte eine derartige Geisteshaltung die Oberhand gewinnen, wäre die Folge ein steriles, emotionsloses Frugaldesign und schließlich die völlige Uniformität des Automobils. Freilich ist auch der diametrale Pol - die Formgebung als reiner Selbstzweck im Sinne eines Part pour Part — bei der Serienfertigung von Automobilen wenig tauglich. Nicht selten hat sich ein architektonisch völlig kompromißloses CEuvre lächer-
lich gemacht und sich selbst ad absurdum geführt - Bauwerke und Autos gleichermaßen. Der vielfach - auch bei der Baureihe W 114/115 — praktizierte Mittelweg ist auch hier weit mehr als ein lauer Kompromiß zwischen den beiden Extremen. Würden sich unsere Automobile sonst erkennbar voneinander unterscheiden? Gäbe es sonst überhaupt ein Fortschreiten der Karosseriemode?
Im Sinne dieser Konzessionen ist bei den Strich-Achtern der Mercedes-Touch, der die corporate identity - gleichsam die Aura der Marke - verkörpert, voll und ganz erhalten geblieben. Alles stilistisch von einem Mercedes Gewohnte ist auch für weniger Eingeweihte wiederzufinden. Diese fühlbar konservativ geprägten Stilelemente - Kühlergrill, Leuchteinheiten, die teutonische Strenge der Proportionen - wurden mit einem tüchtigen Schuß romanischen Formempfindens versetzt, das dem Gesamtkon-zept trotz aller Massivität eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Aber ist dies angesichts der entscheidenden stilistischen Prägung durch einen Franzosen und der nicht unerheblichen Mitwirkung eines Italieners am gestalterischen Gesamtkonzept eigentlich ein Wunder? Vor allem Paul Bracq hinterließ bei diesen Modellen seine unverkennbare persönliche Handschrift. Der renommierte Stilist war ein halbes Jahr vor dem Debüt der Strich-Acht-Limousine - neben dein BMW Turbo GT-Prototypen und der als »Pagode« apostrophierten SL-Reihe einem seiner Meisterwerke - wieder nach Frankreich zurückgekehrt und im Karosseriewerk Brissonneau & Lotz mit der Feinarbeit am Opel G l und dessen Produktionsvorbereitung befaßt. Gewiß steuerte auch Bruno Sacco nicht wenige Ausarbeitungen von Details bei.
Eine noch weitgehend untergeordnete Rolle spielt in den ausgehenden sechziger Jahren ein Parameter, der heute eine zwingende, vordringliche Conditio sine qua non im Lastenheft der Karosserieentwickler darstellt: die Aerodynamik. Die zur Nebensache verkommene Windschlüp-figkeit ist vor dem soziokulturellen Umfeld der Zeit zu sehen: Der israelisch-arabische Sechs-
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